REITTV-Dressurtrainerin Vera Lange-Stanka gibt Tipps für den Countdown und Antworten auf Fragen, die mit „Was passiert, wenn…“ beginnen:

Auf dem Viereck vor dem Glockenzeichen:

„Bevor ich auf dem Turnier ins Prüfungsviereck reite, habe ich es mir vorher angesehen um einzuschätzen, an welchen Stellen mein Pferd guckig sein könnte. Außerdem habe ich die Linien der Aufgabe noch einmal nachvollzogen, um zu wissen, ob ich genau auf eine vermeintliche „Gefahr“ zureiten muss.

In den meisten Fällen ist es aber die kurze Seite bei C, an der es losgelassen vorbeizukommen gilt. Jedes Pferd hat eine Hand, von der aus es williger an „Gespenstern“ vorbeizureiten ist. Auf dieser Hand reite ich zuerst im Trab Ganze Bahn an den Richtern vorbei. Habe ich dabei noch Schwierigkeiten, bleibe ich eine Runde bei C auf dem Zirkel. Ansonsten reite ich nach der kurzen Seite bei C eine halbe Runde auf dem Mittelzirkel, um dann von E nach M bzw. B nach H durch die halbe Bahn zu wechseln und direkt noch einmal von der anderen Hand an den Richtern vorbeizureiten. So habe ich meinem Pferd zeitsparend von beiden Händen das Richterhäuschen gezeigt. Haben die Richter dann noch immer nicht geklingelt, nutze ich die Zeit, um von E/B aus eine halbe Volte auf die Mittellinie zu reiten und direkt auf die Richter zu, wie ich es nach der Grußaufstellung auch tun muss. Das mache ich bewusst nicht von A aus, denn dann könnten die Richter denken ich wollte schon einreiten und geben noch schnell mit dem Glockenzeichen den Start frei, um mich nicht ausschließen zu müssen!

Sondersituationen:

Was passiert denn nun, wenn der Kommandogeber (des Veranstalters) falsch vorliest? Je nachdem, wie Du reagierst:

  1. Du folgst seinem Vorlesen und dann bist Du auf einmal falsch unterwegs? Richtigerweise werden die Richter Dich dann abläuten, Dir Dein Verreiten aber nicht mit Abzügen anrechnen. Du wirst aufgefordert dort weiter zu reiten, wo der Fehler passiert ist. Es ist natürlich ärgerlich, da Du aus den Rhythmus und der Konzentration gerissen wirst, doch Fehler können nun einmal passieren und sind nur menschlich.
  2. Du reitest die Aufgabe wie Du sie gelernt hast trotzdem weiter. Der Vorleser steigt hoffentlich wieder richtig mit ein, dann passiert nichts weiter, die Richter sollten Dich nicht abklingeln. Nur im Falle, dass der Vorleser dann ganz aus dem Konzept ist und weiter alles durcheinander bringt, müssen die Richter abläuten. Du erhältst aber auch in diesem Fall keine Abzüge.
  3. Im Abteilungsreiten gilt a) und b) analog für den Tetenreiter. Die Reiterinnen und Reiter hinter ihm folgen dem Tetenreiter gemäß Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1. Der Tetenreiter hat also nicht nur einen Vorteil, sondern trägt auch Verantwortung.
  4. Anders verhält es sich in einer Mannschaftsdressuraufgabe, da dort nicht der Veranstalter den Kommandogeber stellt, sondern der eigene Mannschaftsführer die Aufgabe kommandiert. Gibt er das falsche Kommando und die Mannschaft folgt seinem falschen Kommando, so gibt es den Abzug auf die Mannschaftsnote (Gesamteindruck). Wird keine Mannschaftsnote, sondern nur Einzelnoten vergeben, bekommt jeder Reiter den Abzug.

Du reitest z.B. in einer L-Dressur eine Kurzkehrtwendung statt einer Hinterhandwendung. Es ist offensichtlich, dass Du in der Einleitung die falschen Hilfen gibst und es kein Versehen Deines Pferdes ist. Die Richter müssen Dich abläuten, denn auch eine falsche Lektion wird als Verreiten gewertet, auch wenn sie auf der gleichen Linie geritten wird. Genauso verhält es sich, wenn Du z.B. in einer M-Dressur im Galopp durch die Halbe Bahn Wechseln reiten musst und den fliegenden Galoppwechsel schon vor Erreichen des Hufschlags reitest, statt erst Mitte der kurzen Seite. Auch hier müssen die Richter Dich für Verreiten abläuten, da Du dann die Lektion Außengalopp auslassen würdest. Wenn Du es nicht von selbst sofort korrigierst! Wie Du es ja auch tun würdest, wenn Dein Pferd ungewollt den Wechsel zu früh springt.

Du reitest eine sehr ungenaue Linie, z.B. wenn Dir erst eine Sekunde zu spät einfällt, dass Du eigentlich gerade Durch die Ganze Bahn Wechseln hättest reiten müssen. Der Richter wird Dich entweder abläuten oder Dich weiterreiten lassen, aber für das ungenaue Reiten Abzug in der Wertnote geben. Letzteres wird häufiger der Fall sein, falls Du nicht sehr viel zu spät abwendest.

Du verreitest Dich, aber die Richter bemerken es nicht sofort. Sie läuten Dich erst etwa drei Lektionen später ab. Es wird genauso verfahren, als hätten sie es sofort bemerkt. Du bekommst einen einmaligen Abzug für Verreiten (0,2 bzw. 2 Punkte) und beginnst dort wieder, wo der Fehler aufgetreten ist. Deine bereits gerittenen nachfolgenden Lektionen werden nicht für die Bewertung herangezogen, sondern die Wiederholungen.

Der Tetenreiter Deiner Abteilung verreitet sich. Er reitet z.B. Schlangenlinie durch die Bahn mit vier statt mit drei Bogen. Die Richter läuten ab, doch den Abzug für das Verreiten erhält nur der Tetenreiter, da die anderen Reiter laut Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1 dem Tetenreiter zu folgen haben. Die Aufgabe beginnt wieder vor den Schlangenlinien, die Bewertung beginnt erneut mit der korrekten Lektion.

Du hast eine falsche Aufgabe gelernt und beginnst sie zu reiten. Die Richter bemerken es und läuten ab. Du kannst die richtige Aufgabe nicht auswendig.

  1. Ist in der Ausschreibung nicht anderes angegeben, kannst Du Dir die richtige Aufgabe von einem Kommandogeber vorlesen lassen. Dies setzt allerdings voraus, dass sehr schnell jemand mit einem Aufgabenheft, oder der App auf dem Handy, zu Stelle ist, um Dir aus der Patsche zu helfen. Die Richter sind nicht verpflichtet lange darauf zu warten. Auch können sie Dich nicht zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal starten lassen, da Du dann gegenüber den anderen Startern der Prüfung den Wettbewerbsvorteil hättest Deinem Pferd schon einmal das Viereck gezeigt zu haben.
  2. In der Ausschreibung steht ausdrücklich, dass die Aufgabe auswendig zu reiten ist. Dann hast Du leider Pech gehabt, aber das wird Dir sicher nicht noch einmal passieren!

Der Kommandogeber des Veranstalters liest beim Abteilungsreiten die falsche Aufgabe vor.

  1. Die Richter bemerken den Fehler während der Aufgabe und läuten ab. Die Teilnehmer dürfen erneut beginnen, nun mit der richtigen Aufgabe. Sie erhalten keine Abzüge, die richtige Aufgabe wird bewertet.
  2. Die Richter bemerken den Fehler nicht, erst ein Reiter der fünften Abteilung weist auf den Fehler hin und möchte die richtige Aufgaben reiten. Die schon gestarteten Teilnehmer erhalten keine Abzüge, da es sich um ein Organisations-Verschulden handelt. Die Prüfung wird zusätzlich geteilt und die ersten vier Abteilungen gesondert platziert.
  3. Weder die Richter, noch ein Teilnehmer bemerken den Fehler im Laufe der Prüfung. Die Bedingungen waren somit für alle Teilnehmer gleich, alles bleibt wie es ist.

Sondersituationen beim Kürreiten:

In einer Kür fällt zu Beginn/in der Mitte der Aufgabe die Musik aus, es sind noch nicht alle Pflichtlektionen gezeigt. Der Richter muss abläuten.

  1. Liegt die Fehlerursache bei der technischen Anlage, darfst Du entscheiden, ob Du neu beginnen möchtest, oder an der Stelle der Unterbrechung. Mit der Bewertung fortgefahren wird in beiden Fällen ab der Stelle der Unterbrechung.
  2. Liegt die Fehlerursache bei Deinem Tonträger und Du hast keinen Ersatz dabei, ist die Prüfung leider für Dich beendet

Die Musik fällt gegen Ende der Kür aus, wenn Du bereits alle Pflichtlektionen gezeigt hast. Die Richter läuten nicht ab, die Prüfung wird ohne Musik beendet. Bewertung erfolgt, als hätte die Musik weiter funktioniert.

Du reitest in einer Kür eine Lektion einer höheren Klasse. Die Richter läuten Dich nicht ab. In der A-Note wird die Lektion nicht berücksichtigt, in der B-Note werden jedoch 0,5 abgezogen beziehungsweise die Note für Choreografie und Schwierigkeitsgrad bleibt kleiner als 6.

 

Trotz aller Eventualitäten, die Du im Kopf vorab durchspielen kannst, wird es immer wieder Situationen geben, die Dich und/oder den Richter überraschen! Jeder sollte versuchen, mit solchen unvorhersehbaren Situationen so pferdegerecht und fair umzugehen, wie es eben geht.“

In unserer Playlist „Reiten lernen“ zeigen wir Dir, wie die Bahnfiguren korrekt geritten werden. In der Dressurserie mit Nicole Uphoff-Selke lernst Du, wie der korrekte Dressursitz aussieht, wie man die Lösungsphase am besten aufbaut und welche Übungen man dafür gut einsetzen kann, wie man Übergänge reitet, was die ganze Parade ist und wie man sein Pferd sicher rückwärts richtet.

Bei EQUIVA findest Du die aktuelle LPO mit allen Turniervorschriften und das Aufgabenheft zum Üben der Aufgaben für Zuhause.