Das hört sich erstmal ganz einfach und praktisch an: Die Thermografie-Kamera auf das Pferd gehalten, der Tierarzt sieht sofort das Bild und kann den Entzündungsherd lokalisieren. Wäre es tatsächlich so einfach, könntest ja auch Du dieses Verfahren nutzen und Deinem Tierarzt sagen, wo er weiter diagnostizieren muss. Die Investition von 3000–4000€ in die Kamera könnte sich im Laufe eines Pferdelebens durchaus rentieren. Wenn es denn so einfach wäre…

Die Thermografie bleibt mit ihrem bildgebenden Verfahren an der Oberfläche. Die Körperoberfläche gibt Infrarotstrahlung ab, die von der Kamera aufgenommen und in einem Bild dargestellt wird. Je höher die Temperatur der Körperoberfläche, desto mehr Infrarotstrahlung gibt sie ab und desto mehr geht die Farbe des Bildes von blau über grün, gelb, orange zu rot über. Die Thermographie-Kamera ist sehr empfindlich. Das bedeutet, dass sogar schon eine haarlose Stelle im Fell, beispielsweise eine Scheuerstelle, wärmer erscheint als die Umgebung. Hat das Pferd gerade mit einem Hinterbein geruht, erscheint das belastete Bein wärmer. In Wirklichkeit aber ist es das entlastete Bein, das dem Pferd Schmerzen verursacht. Ist eine Entzündung an Knochen, Gelenk oder Sehne wirklich so stark, dass auch ein Laie sie auf den Bildern erkennen kann, dann ist auch die Hautoberfläche schon so stark erwärmt, dass die Entzündung schon durch Abfühlen mit der Hand lokalisiert werden kann, wenn sie nicht ohnehin zusätzlich durch eine Schwellung sichtbar ist. Das Diagnoseinstrument ist also nur so gut, wie sein Anwender hinsichtlich Vorbereitung und Interpretation der Bilder Erfahrung hat.

Die Thermographie kann Tierärzte bei unklaren Lahmheiten unterstützen, in erster Linie wenn die bewährten und gängigen Methoden der Lahmheitsdiagnostik wie Lokalanästhesien, Röntgenuntersuchung und Ultraschall kein eindeutiges Ergebnis liefern. Ein möglicher Vorteil ist, dass das Pferd auch in der Bewegung, wahlweise mit oder ohne Reiter, aufgenommen werden kann. Außerdem ist die Untersuchung für das Pferd weitesgehend stressfrei, da sie non-invasiv ist, das Pferd weder fixiert noch in Narkose gelegt werden muss und die Untersuchung meistens im gewohntem Umfeld stattfinden kann.

Frau Armgard von der Wense gründete das „Deutsche Zentrum für Equine Thermografie“. Dieses gibt Aufnahmestandards für eine sogenannte Grunduntersuchung heraus. Bei einer solchen Grunduntersuchung werden 50-60 Aufnahmen von beiden Seiten eines Pferdes gemacht. Die dort entstehenden Aufnahmen zeigen das gesunde Pferd und können bei anderen Untersuchungen mit konkretem Verdacht als Vergleich dienen. Jedes Pferd „strahlt“ anders, das heißt man kann es nur mit sich selbst vergleichen. Das Pferd darf vor einer solchen Untersuchung weder in der Sonne gestanden noch geschwitzt haben. Die Kosten liegen bei etwa 110 Euro plus Anfahrt. Als Trainingskontrolle oder Dokumentation des Gesundheitszustandes durchaus denkbar und sinnvoll. Auch eine Sattel- beziehungsweise Sattel- und Rückenkontrolle wird angeboten. Die Aufnahme der Sattelunterseite unmittelbar nach der Arbeit, kann Rückschlüsse über die Druckverteilung geben.

Laut Veterinär-Reglement der FEI darf seit dem 1. Januar 2017 bei der Pferdekontrolle auf internationalen Turnieren die Thermografie-Kamera zur Überprüfung der Empfindlichkeit der Pferdebeine hinzugenommen werden, um gesundheitliche Probleme und auch Betrüger zu entlarven. Ob die daraus resultierenden Urteile wirklich unanfechtbar sein werden?