Sattelzwang hat viele Gesichter. Manche Pferde knirschen mit den Zähnen oder verziehen das Gesicht, andere beißen Gegenstände oder schlimmer noch Menschen, treten aus, steigen oder schmeißen sich im Extremfall fast oder sogar ganz auf den Boden oder geraten in Panik und flüchten. Die Liste lässt sich noch unendlich weiterführen. Von leichtem Unwohlsein über Abneigung und Angst bis hin zu blanker Panik und Aggression. Fakt ist: man spricht dann von einem Sattelzwang, wenn das Pferd beim Sattel auflegen und/oder dem An- beziehungsweise Nachgurten ein ablehnendes Verhalten an den Tag legt.

Die Ursachen für Sattelzwang sind genauso vielseitig wie die davon ausgehenden Symptome. Bei vielen Pferden mit Sattelzwang passt das Sattelzeug (Sattel, Unterlage(n), Gurt) nicht und verursacht so Druckstellen, die dem Pferd besonders bei häufiger Verwendung starke Schmerzen bereiten. Aber auch anders begründete Rückenschmerzen, Verspannungen oder Versteifungen, zum Beispiel durch Verletzungen, Krankheiten oder falsches Training, können ein Auslöser für Sattelzwang sein. Ein Blick des Tierarztes auf Rücken, Gurtlage aber auch Magen kann wichtige Erkenntnisse bringen.

Viele Pferde zeigen Sattelzwang auch wegen schlechter Erfahrungen. Der Sattel wurde zu fest auf den Rücken „geknallt“ oder der Gurt zu schnell zu stark angezogen. Bei Letzterem fühlen manche Pferde regelrecht Platzangst, wenn die Rippen zu stark zusammengedrückt werden und so plötzlich, und für das Pferd unerwartet, nur wenig Luft in die Lunge strömen kann. Schlechte Erfahrungen müssen aber nicht unbedingt zwingend nur mit dem Vorgang des Sattelns zu tun haben, sondern können auch schlichtweg mit dem Objekt „Sattel“ verknüpft sein. Beispielsweise durch schmerzhafte Erfahrungen während des Aufsteigens (Reiter, die sich mit vollem Gewicht in den Sattel plumpsen lassen) oder dem Reiten selbst. Besonders in frühen Stadien des Anreitens können jegliche schlechte Erfahrungen sehr prägend sein und einen Sattelzwang begünstigen. Das Pferd als Flucht- und Gewohnheitstier vergisst schlechte Erfahrungen nur schwer, da sie vor Urzeiten das Überleben sicherten.

Wenn ein Pferd nun Formen von Sattelzwang zeigt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken:

Den Feind kennen
Der wichtigste Punkt ist wohl der, herauszufinden, woher der Sattelzwang kommt. In erster Linie sollten Sattler, Tierarzt und gegebenenfalls ein kompetenter Pferde-Osteopath oder -Physiotherapeut zurate gezogen werden, um sicher zu stellen, dass das Pferd keine Schmerzen hat und das Sattelzeug korrekt passt und verschnallt wird. Gefundene Problemstellen – sowohl beim Pferd als auch beim Sattelzeug – sollten selbstverständlich behandelt und beseitigt werden.
Falls das Pferd den Sattelzwang bereits ab dem Kauf zeigt, sollte man wenn möglich bei den Vorbesitzern Nachforschungen anstellen, wann, wie und weshalb der Sattelzwang entstanden ist. Besonders bei schlechten Erfahrungen ist es hilfreich, zu wissen, welche Situationen das Pferd geprägt haben, um solche Momente in Zukunft zu vermeiden oder gezielt zu üben.

Behutsam satteln
Im Idealfall sollte natürlich immer vorsichtig gesattelt werden, damit Sattelzwang gar nicht erst entstehen kann. Falls aber doch ein Sattelzwang vorliegt, ist es umso wichtiger, dem Pferd mehr Sicherheit zu geben und selbstverständlich auch weitere Schmerzen zu vermeiden.
Dazu ist es sinnvoll in Etappen zu satteln: Zwischen Sattel herbeitragen, Unterlage und Sattel auflegen, Gurt befestigen und anziehen, sollten immer Pausen eingelegt werden, in denen man andere Dinge tut. Mähne bürsten, Hufe auskratzen, sich selbst vorbereiten und so weiter. Je kleiner die einzelnen Schritte, desto besser. Auch das Nachgurten sollte wechselseitig in möglichst vielen kleinen Etappen passieren. Dazwischen hilft geführte oder gerittene Bewegung dem Pferd sich zu entspannen. Das Pferd lernt auf diese Weise, das Satteln als genauso selbstverständlich anzusehen wie die anderen Dinge auch und steigert sich nicht so in seinen Unmut rein.
Der Gurt sollte immer möglichst langsam und keinesfalls ruckartig angezogen werden. Oft hilft es auch, auf die Atmung des Pferdes zu achten (gut sichtbar an der Flanke) und den Gurt dann beim Ausatmen des Pferdes anzuziehen. Wenn man beim Einatmen gurtet, kann es passieren, dass das Pferd Platzangst kriegt, da plötzlich weniger Luft in die Lunge strömen kann als eingeatmet wurde.

Ruhe bewahren!
Sattelzwang kann ziemlich extreme Symptome haben, die nicht selten auch eine Gefahr für den Menschen darstellen. Trotzdem sollte man versuchen, das Pferd nicht anzuschreien oder zu bestrafen. Das Pferd kann nichts für seinen Sattelzwang. Es zeigt das Verhalten nicht aus einer Laune heraus, sondern weil es wirklich Probleme damit hat. Eine Strafe würde die negative Prägung auf den Sattel nur noch verstärken. Demnach gilt: Gefährliche Situationen vermeiden, bis die Ursache gefunden und beseitigt wurde. Das bedeutet gegebenenfalls erst mal für unbestimmte Zeit mit dem Reiten mit Sattel zu pausieren, um Pferd und Mensch zu schützen.

Der schlimmste Fall
Falls ein Pferd wirklich in seinem Unmut über das Satteln festgefahren ist und sich auch trotz aller Bemühungen partout nicht dran gewöhnen will, gibt es noch die Möglichkeit mit dem Sattel bei „Null“ anzufangen. Das heißt, man geht davon aus, man hätte ein komplett rohes, nicht angerittenes Pferd, das den Sattel von Grund auf neu kennenlernen muss. Wie ein Jungpferd, das zum ersten Mal in seinem Leben einen Sattel sieht. Schön langsam, behutsam und ohne Stress. Wahrscheinlich braucht ein negativ auf den Sattel geprägtes Pferd länger, um sich erneut an das Sattelzeug zu gewöhnen und muss noch weiter vorne anfangen, aber es bietet die Möglichkeit, die alten Erfahrungen in gewissem Maße zu „überschreiben“.
Bei der Behandlung des Sattelzwangs ist es häufig hilfreich, genau auf die Körpersprache des Pferdes zu achten. Ab welchen Zeitpunkt verändert sich die Haltung zum negativen, auch wenn es nur ein Verziehen des Mundwinkels ist? Schon wenn es das Klimpern der Gurtschnallen auf dem Sattel hören kann? Bei vielen Pferden sieht es so aus, dass der Unmut bereits dann beginnt, wenn es vermuten kann, was auf es zukommt. Hier wäre dann der Ansatzpunkt mit der Gewöhnung zu beginnen. Und wenn es nur das Dulden des Sattels auf einem nahen Sattelbock ist. Kleine Schritte führen zum Ziel.
Vielen Pferden hilft es vor Neugewöhnung an den Sattel, eine längere Pause vom Reiten einzulegen, um wieder zu sich zu finden und die schlechten Erfahrungen ein wenig in den Hintergrund treten zu lassen. In dieser Pause sind Bodenarbeit und gemeinsame Spaziergänge ein guter Weg, damit Mensch und Pferd mehr zueinander finden und Vertrauen aufbauen, was wiederrum später die Gewöhnung an den Sattel positiv beeinflusst.

Sattelzwang ist ein schwerwiegendes Problem, was keinesfalls unterschätzt werden darf. Kleine Zeichen von Unmut können schnell in gefährlichem Beißen, Treten oder anderem ausarten. Dennoch gibt es Möglichkeiten, dem Pferd zu helfen, den Sattel als das anzuerkennen, was er ist: ein wertvolles Werkzeug für die Verbindung und Kommunikation zwischen Pferd und Reiter.

Seht in unseren Videos, wie man den passenden Sattel findet oder wie man richtig sattelt. Weitere REITTV Videos zum Thema „Sattel“ findet ihr hier.

Bei EQUIVA gibt es alles rund um den Sattel. Unter anderem auch verschiedenste Sattelgurte. Manche Pferde bevorzugen durch ihre individuelle Anatomie spezielle Formen. Durchschauen lohnt sich!