Wie schlimm ist Koppen wirklich?

Koppen ist die am meisten verbreitete Verhaltensstörung unter den Pferden, unabhängig von Rasse und Nutzungsrichtung. Rund 2,8% der deutschen Reitpferde zeigen dieses Verhalten. 85% dieser Pferde beginnen bereits vor dem sechsten Lebensjahr damit. Natürlich ist Koppen eine unerwünschte Verhaltensstörung, da lässt sich nichts schön reden. Allerdings wurden in neuesten Untersuchungen und Studien herausgefunden, dass der Vorgang des Koppens nicht schädlich für den Pferdekörper ist, wie lange Zeit angenommen wurde.

Beim Koppen setzt das Pferd meist seine Zähne auf eine Kante auf. Das kann die Boxentür, der Futtertrog, ein Zaunpfahl oder sogar das eigene Vorderbein sein. Das Pferd öffnet bewusst den Schlundkopf, den Eingang der Speiseröhre, und lässt Luft einströmen. Dabei entsteht ein Geräusch, was dem “Rülpsen“ eines Menschen recht ähnlich ist. Durch das Aufsetzen kann das Pferd leichter seine unteren Halsmuskeln anspannen und den Kehlkopf bewegen. Es gibt auch das seltenere sogenannte „Freikoppen“. Die Pferde schaffen es dabei mit freigehaltenem Kopf, also ohne Aufsetzhilfe, durch ein Kopfschlenkern die richtigen Muskeln anzuspannen.

Früher wurde davon ausgegangen, dass die Pferde dabei Luft schlucken, die bis in den Magen strömt und dort Schaden anrichtet. Magengeschwüre wurden häufig damit in Verbindung gebracht. Neueste Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass dies nicht oder nur in minimalen Mengen der Fall ist. Der größte Teil der eingezogenen Luft bleibt im obersten Teil der Speiseröhre und wird unter Erzeugung des Kopp-Tons wieder ausgestoßen. Der physische Vorgang des Koppens ist also nicht der Auslöser von Magengeschwüren oder anderen gesundheitlichen Problemen, die manchmal mit dem Koppen einhergehen.

Viel mehr ist diese Verhaltensstörung ganzheitlich zu betrachten. Das Koppen setzt Glückshormone, wie Endorphine, frei. Diese Hormone helfen dem Pferd Stress abzubauen. Das kann schnell zu einer Sucht werden, wenn das Pferd mehrfach die entspannende Wirkung des Koppens wahrgenommen hat. Auslöser des Koppens ist also Stress. Die häufig mit dem Koppen in Verbindung gebrachten Magengeschwüre und Koliken werden nicht durch das Koppen selbst ausgelöst, sondern sind, wie das Koppen, ein Symptom des Stresses.

Stress können Pferde aufgrund unterschiedlichster Dinge empfinden: Bei manchen Pferden stimmen die Haltungsbedingungen nicht: zu wenig oder zu viele Reize, ungünstig große oder falsch zusammengesetzte Herden, zu viel oder zu wenig Ruhe in Box oder Offenstall oder ein unzureichendes Beschäftigungsangebot. Fohlen, die zu früh von der Mutter getrennt oder mutterlos aufgezogen werden (müssen), entwickeln häufig Stress und Verhaltensstörungen. Manche Pferde koppen auch, weil das Training nicht stimmt und sie an Unter- oder Überforderung leiden. Aber auch einmalige einschneidende Ereignisse können ein „Initial-Trauma“ darstellen und ein Auslöser sein, auch wenn kein dauerhafter Stress vorhanden ist. Ein weiterer Faktor ist die Fütterung. Eine falsche Fütterung mit zu viel Kraft- und zu wenig Raufutter kann Magengeschwüre begünstigen. Das stärkehaltige Kraftfutter wird meist zu schnell gefressen und bleibt mit zu wenig Speichel zu lange im Magen. Wenn nicht durch ausreichend Raufuttergabe noch genügend Speichel hinzukommt, kann der Magen übersäuern. Das passiert auch bei zu langen Fresspausen. Die Übersäuerung des Magens soll auch das Koppen begünstigen. Allerdings war die Suche nach der Verbindung dazwischen bisher nicht eindeutig.

Unwissende Halter versuchen das Koppen durch sogenannte „Kopper-Riemen“ oder andere abenteuerliche Praktiken, wie Stacheldraht oder Elektroschocks an den Aufsetzpunkten mechanisch zu unterbinden oder unter Strafe zu stellen. Das ist tunlichst zu unterlassen und absolut tierschutzwidrig! Wenn das verhaltensgestörte Pferd nicht mehr seiner Sucht nachgehen kann, ist es auf Entzug und steht unter noch größerem Stress, der dann das Bedürfnis nach dem Koppen und das Fortschreiten anderer stressbedingter Verhaltensstörungen und gesundheitlicher Probleme, wie Magengeschwüre, noch verstärkt.

Um das Koppen „abzustellen“ muss die Haltung und die Nutzung des Pferdes überdacht und angepasst werden. „Knackpunkt“ dabei ist, den Erregungsanstieg des Pferdes zu vermeiden, der den Stress auslöst. Dabei kann es schon helfen, das Raufutter vor dem Kraftfutter zu füttern, um den ersten Hunger durch das magenschonende Raufutter zu stillen und ein Herunterschlingen des Kraftfutters zu vermindern. Auch das Aufteilen der Futtermenge in viele kleine Portionen kann helfen. Wiese oder Heu ad libitum wäre ebenfalls eine Möglichkeit, um der Übersäuerung des Magens und auch der Langeweile entgegenzuwirken. Möglichst viel ruhige Bewegung und Sozialkontakte auf Paddock oder Weide sind wichtig, um dem Pferd die nötige Entspannung zu geben. Bei der Nutzung sollte ebenfalls die Entspannung gesucht werden. Ab und zu ein entspannter Ausritt oder maßvolles Ausdauertraining zwischen dem normalen Training wirkt Wunder.

Leider ist aber auch durch eine Umstellung auf optimale Haltungs- und Trainingsbedingungen keine Garantie für ein Zurückgehen der Verhaltensstörung gegeben. Koppende Pferde erleben meist schon seit Jahren die entspannende und süchtig machende Wirkung des Lufteinzugs und werden selten davon ablassen. Allerdings kann die Häufigkeit der Koppvorgänge reduziert werden, besonders bei Pferden die gerade erst damit angefangen haben. Ganz bestimmt aber werden die Begleiterscheinungen, wie Magengeschwüre, Koliken und andere stressbasierte Probleme zurückgehen. Das Pferd wird gesünder, glücklicher und zufriedener sein. Allein das ist Grund genug Haltung und Training des Pferdes ständig zu optimieren – am besten schon ab der Geburt des Pferdes und bevor das Koppen einsetzt.

Buchtipp: „Handbuch Pferdeverhalten“ von Margit H. Zeitler-Feicht, 3. Auflage im Ulmer Verlag

2017-04-13T19:14:52+00:00 April 14th, 2017|Gesundheit & Pflege|

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